Kommunikationsstil-Auswertung

4 Ohren Modell
4 Ohren Modell von Schulz von Thun (2011)

Das „Sach-Ohr“

Viele Empfänger (vor allem Männer und Akademiker) sind darauf geeicht, sich auf die Dachseite der Nachricht zu stürzen und das Heil in der Sachauseinandersetzung zu suchen. Dies erweist sich regelmässig dann als verhängnisvoll, wenn das eigentliche Problem nicht so sehr in einer sachlichen Differenz besteht, sondern auf der zwischenmenschlichen Ebene liegt

Beispiel

Frau: „Liebst Du mich noch?“

Mann: „Ja, weisst Du, da müssten wir erst einmal den Begriff ,Liebe‘ definieren, da kann man ja nun sehr viel darunter verstehen …“

Frau: „Ich mein doch nur, welche Gefühle Du mir gegenüber hast …“

Mann: „Nun, Gefühle – das sind ja zeit-variable Phänomene, darüber gibt es keine generellen Aussagen …“

Das „Beziehungs-Ohr“

Bei manchen Empfängern ist das auf die Beziehungsseite gerichtete Ohr so gross und überempfindlich, dass sie in viele beziehungsneutrale Nachrichten und Handlungen eine Stellungnahme zu ihrer Person hineinlegen oder übergewichten. Sie beziehen alles auf sich, nehmen alles persönlich, fühlen sich leicht angegriffen und beleidigt.

In manchen Fällen scheitern Sender und Empfänger in der Klärung der frage, ob eine Nachricht überwiegend Selbstoffenbarungs- oder überwiegend Beziehungscharakter hat.

Beispiel

Der eine Ehepartner zieht sich auf sein Zimmer zurück. Liegt die Hauptbotschhaft dieses Verhaltens auf der Selbstoffenbarungsseite („Ich brauche Ruhe, möchte alleine sein – das hat nichts mit Dir zu tun“) oder auf der Beziehungsseite („Ich kann Dich jetzt nicht ab“)?

Das „Selbstoffenbarungs-Ohr“

Es wäre viel gewonnen, wenn wir die gefühlsmässigen Ausbrüche, die Anklagen und Vorwürfe unserer Mitmenschen mehr mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr zu empfangen in der Lage wären. Dann könnten wir dem anderen eher seine Gefühle zugestehen, könnten uns ruhig darauf einlassen, ohne gleich in grosse Sorge um unsere „weisse Weste“ und um unser seelisches Heil zu geraten. Wir wären weniger mit unserer eigenen Rehabilitation beschäftigt und könnten stattdessen besser zuhören und so besser dahinterkommen, was mit dem anderen wirklich los ist.

Beispiel

Der Vater kommt gereizt nach Hause, sieht Spielzeug herumliegen und schnauzt sein Kind an: „Was ist das hier für ein Saustall, und der Dreck hier – was bist Du für ein Schmutzfink!“

Solange ein Kind nicht älter als fünf Jahre ist, wird es diese Nachricht mit dem Beziehungs-Ohr hören müssen, sich schlecht und schuldig fühlen und deprimiert schlussfolgern: „So einer bin ich also!“ Ein älteres Kind hat unter Umständen die Fähigkeit, mit „diagnostischem“ Ohr zu hören: „Er muss einen schlechten Tag im Büro gehabt haben, dass er seine Wut so an mir auslässt.“ Dieses Kind nimmt die wütende Nachricht des Vaters nicht auf seine eigene Kappe, sondern bucht sie sozusagen auf der Selbstoffenbarungsseite ab.

Das „Appell-Ohr“

Von dem Wunsch beseelt, es allen recht zu machen und auch den unausgesprochenen Erwartungen der Mitmenschen zu entsprechen, ist manchem Empfänger mit der Zeit ein übergrosses Appell. Ohr gewachsen. Sie hören auf der Appellseite geradezu „das Gras wachsen“, sind dauernd auf dem „Appell-Sprung“.

Beispiel

Ein Gast guckt sich um, der Gastgeber reagiert: „Was suchst Du? Einen Aschenbecher? Warte, ich hole einen.“

Literaturverzeichnis:

Schulz von Thun, Friedemann (2011): Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. 49. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag (Rororo Sachbuch, 1, Ed. 49, 2011).

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